
Liebe Christen, Freundinnen und Freunde!
Nun bin ich gerade am Freitagabend mit der kleinen Gruppe der Mutter-Teresa-Equipe aus Tscherwonograd in der Ukraine zurückgekommen. Mit dabei waren: Margret Castrup, Johannes Müssing, Kai Ruther, Oliver Holm und Emanuel Mashayekh. Die Fahrt startete am Sonntag, 2. Juni, nach der Meßfeier um 11.30 Uhr. Sie verlief zunächst ganz flott und reibungslos bis zur polnisch-ukrainischen Grenze, die wir ca. 2.30 Uhr erreichten. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass es noch solche Grenzen hier in Europa gibt, aber an der ukrainischen Grenze beginnt nun doch eine andere Welt. Der Krieg wirft seine Schatten. Nicht nur, daß die Arbeit der Grenzbeamten äußerst schleppend und langsam vorangeht – stundenlang hat man zu warten – zu allem Übel verweigerte man unserem Fahrer Emanuel die Einreise, weil er nur einen Deutschen Aufenthaltstitel besitzt, keinen Deutschen Pass. Alles Reden und Erklären, auch der Hinweis auf unsere Kinderaktion, half nichts. Wir mußten umkehren und Emanuel in einem ca. 5 Km entfernten Hotel auf polnischer Seite unterbringen. Dann hatten wir erneut die Grenzformalitäten zu durchstehen. All das dauerte über 6 Stunden!! Und dann führte uns unser Navi auf Ukrainischer Seite völlig in die Irre:
Mit der uns gegebenen Adresse landeten wir in einer abgelegenen und heruntergekommenen Schrebergarten-Gegend. Doch half uns die moderne Technik doch noch weiter: wir sendeten Pfarrer Mykola per Mail unseren Standort und es dauerte nicht lange, da brauste ein Kleintransporter heran und Pfarrer Mykola begrüßte uns auf das Herzlichste. Kurz darauf erreichten wir den Hof der Katholischen Gemeinde, wurden dort von von zwei Ordensschwestern und einer jungen Mutter mit zwei Kindern empfangen – und alles war gut. Es war mittlerweile 10 Uhr, also hatten wir eine fast 20-stündige Fahrt hinter uns. Aber wir wurden reich belohnt – auch wenn wir nun unseren Plan radikal ändern mußten: Natürlich konnten wir Emanuel nicht hängen lassen und beschlossen, auf einen Besuch von Lwiw zu verzichten und schon am nächsten Tag wieder abzureisen, um Emanuel wieder an Bord zu holen.
Nach einem üppigen Frühsück und ein paar Stunden Schlaf, gab es von Pfarrer Mykola zunächst eine Führung durch das Gemeinde – Zentrum: die Räumlichkeiten für die Betreuung der Kinder aus der Umgebung – die allerdings z. Zt. wegen der Ferien in einer Freizeit betreut wurden, also jetzt hier nicht anwesend waren. Dann folgte die Besichtigung der Bunkeranlagen: Ja, Bunkeranlagen für 500 – 800 Menschen wurden unter dem Gemeindezentrum eingerichtet! Dabei zeigte uns Mykola eine Rakete und Schrapnelle, die hier eingeschlagen war: Kriegszustand zum Anfassen!!
Anschliessend gab es eine Fahrt durch das Stadtzentrum mit Besichtigung der wichtigsten Kirchen und Sehenswürdigkeiten:
Imposant war die ukrainisch-orthodoxe (d. h. katholische, mit Rom vereinte) Kirche. Über die Ikonostase (d. h. Bilderwand vor dem Altarbereich) hinaus strahlten von allen Wänden die Bilder vom Leben und Wirken Jesu und Mariens, sowie vieler Heiliger. Besonders eindrucksvoll das Großbild vom Jüngsten Gericht – Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle in Rom nachempfunden – auf welchem Putin im Feuer der Hölle gezeigt wird.
Weiter ging es zum Vorplatz des ehemaligen Kulturzentrums, auf dem ein „Wald“ von Bildern aufgestellt war: Bilder aller Gefallenen der Stadt und des Stadtkreises. Oft, so erzählt uns Mykola, sind hier bei den Bildern Mütter mit betenden und weinenden Kindern zu sehen. Es folgte noch ein kurzer Besuch im Basilianer-Kloster: ein Mönchskloster, vergleichbar mit einem Benediktiner-Kloster.
Am Abend um 18 Uhr konnten wir dann an einer sehr schönen Messfeier teilnehmen; für den Werktag-Abend recht gut besucht (rd. 30/35 Gläubige). Die Gemeinde insgesamt zählt ca. 250 aktive Mitglieder – nur die Gottesdienstbesucher werden gezählt; es gibt keine Statistik der Gesamtzahl der katholisch Getauften). Und dann konnten wir uns am Abend auf einer Terrasse noch länger zusammensetzen und bei einem Bier unterhalten. Dabei half uns die Google- Übersetzungstechnik sehr gut, denn es bestand ja ein großes Verständigungsproblem: nur einer von uns, Oliver, konnte russisch/ukrainisch; und weder Mykola noch die Schwestern konnten deutsch. Aber mit Oliver und der Google-Technik ging es dann relativ gut. Dabei stießen wir natürlich auch auf die kirchlich-religiöse Situation. Identisch ist, so stellten wir fest, auf beiden Seiten der Rückgang der Priester- und Ordens-Berufungen – auch bei den Schwestern in Polen. (Eine der drei stammt von dort.) Doch sehr unterschiedlich ist der Umgang mit dem „Zeitgeist“. Während bei uns Bischöfe und große Teile der Gläubigen weitgehend dem Zeitgeist verfallen sind (Homoehe, LGTBQ-Akzeptanz, Frauenweihe, Zölibats-Diskussion, Abtreibungs-Liberalisierung…), gibt es diese Tendenzen in der Ukraine nicht.
Wir fühlten uns wie ein Herz und eine Seele. Wir konnten noch Ideen für weitere Hilfsaktionen austauschen: Kühlschränke, Waschmaschinen, E-Herde usw. sind sehr willkommen. Wir werden diesen Plan zuhause weiter verfolgen. Aber dann plötzlich wurde es dunkel. Der Strom wurde abgestellt. Kriegssituation!! Aber gut: wir konnten unsere Betten beziehen und wieder richtig gut schlafen, bevor wir am nächsten Vormittag schon die Rückreise wieder antreten mussten.
Trotz der Kürze der Zeit sind wir doch sehr froh, die Fahrt durchgeführt zu haben und es war sicher nicht unsere letzte Fahrt dorthin. Auf der Rückreise haben wir dann – wieder nach dreistündigen Grenzformalitäten – unseren Emanuel an Bord geholt, um nun noch Krakau zu besuchen und die äußerst schöne Altstadt zu besichtigen: den großen Marktplatz mit den Tuchhallen bis zur Wavel-Burg. Auffallend, außer den Touristenscharen, die vielen und großen Schulgruppen, die durch die Stadt geführt wurden; bemerkenswert auch eine Militär-Werbeveranstaltung: äußerst junge Sodaten, die mit Musik und Show-Märschen viele Schaulustige anlockten. Der Krieg in der Ukraine betrifft besonders Polen! Bemerkenswert aber auch, daß in drei Kirchen Gebetswachen stattfanden: in der Woytschech- Kapelle am Marktplatz, in der großen Marienkirche – und in der hypermodernen Kirche „Maria-Königin-Polens“ im Stadtteil Nova Huta, die wir noch besuchen konnten. Diese Kirche ist ein berührendes Zeugnis vom Widerstand der Kirche in Polen gegen das damalige Kommunistische Regime. Dieses wollte hier nämlich eine moderne kommunistische Musterstadt errichten, eine „Stadt ohne Gott“.
Mit aller Kraft setzte sich die katholische Bevölkerung mit Streiks, Gebetswachen und Demonstrationen zur Wehr und erreichte mit Hilfe des Erzbischofs Woitila, dem späteren Papst Johannes Paul lI. den Bau dieser auch architektonisch spektakulären Kirche. Bald danach brach dann der gesellschaftliche Aufstand mit der Solidarnosz-Bewegung aus und fegte das Komministische Regime in ganz Europa hinweg. So standen wir vor dieser Kirche mit dem Denkmal von Papst Johannes Paul II. an einen geschichtsträchtigen Punkt Polens und ganz Europas! Wir hoffen und beten, daß wir bald auch die neuen Freunde in der Ukraine in einem freien und friedlichen Land besuchen können: „Nächstes Jahr: freie Ukraine im vereinten und christlichen Europa!“
Liebe Leserinnen und Leser,
ich bin Anton Behrens, geboren am 1. November 1943 in Börgerwald. Seit meiner Priesterweihe 1969 habe ich vielfältige Aufgaben in der Kirche übernommen, wobei mein besonderes Engagement der Jugendpastoral gilt. Meine Arbeit begann in Meppen und führte mich über Neuenkirchen/Bramsche, wo ich maßgeblich an der Gründung der Communität junger Christen (CJC) beteiligt war, weiter nach Hollage und Bramsche. Nach einer Zwischenstation als Krankenhaus-Seelsorger war ich von 2000 bis 2010 Pfarrer in Malgarten und Bramsche. Seit 2010 konzentriere ich mich auf die Seelsorge und die Arbeit mit der CJC, um Menschen aller Generationen zu begleiten.
Mit herzlichen Grüßen,
Anton Behrens

